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Der Fliegenpilz als Glücksbringer
Im deutschsprachigen Kulturraum wird der Fliegenpilz zumeist als Glückssymbol verwendet – trotz seiner scheibaren Tödlichkeit. Was es damit auf sich hat hat unsere Kollegin Sara Weithaler zusammengefasst.
Der Fliegenpilz – Biologisches und Psychoaktivität
Das Reich unter der Erde
Mit biologischen Namen Amanita Muscaria, findet man den Pilz hauptsächlich in der Nähe von Birken und, in gewissen Teilen Europas, auch neben Pinien. Unter der Erdoberfläche gehen die beiden Organismen eine Symbiose ein, wobei sich der Pilz als Schmarotzer von den Nährstoffen der Wurzeln ernährt.
Dieses weitläufige unterirdische Netzwerk nennt sich Mycel und stellt – entgegen häufiger Auffassung – den eigentlichen Pilz dar. Was wir über der Erde sehen können, ist lediglich dessen Fruchtkörper. Wird dieser zerstört, so hat dies keine Auswirkungen auf den tatsächlichen Organismus unter der Erde.
Berauschende Bekanntschaft
Die scheibare Tödlichkeit des Fliegenpilzes ist häufig Produkt eines Irrglaubens. Zwar evoziert der Pilz nach Einnahme einen hallozinogenen Zustand, Todesfälle im Zusammenhang mit dem Pilz sind allerdings nur wenige bekannt. Meist bleibt es bei Vergiftungen mit ähnlichen Symptomen wie bei starkem Alkoholmissbrauch und unter dem Namen „Pantherina-Syndrom“ (auch Fliegenpilz-Pantherpilz-Syndrom) bekannt.
Wird der Fliegenpilz getrocknet und eingenommen, entsteht ein ethanol-ähnlicher Rausch, der ebendiese Vergiftungserscheinungen, wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Schweißausbrüche auslöst, allerdings auch einen tranceartigen Zustand induzieren kann. Hauptverantwortliche Toxine sind dabei die Nervengifte Ibotensäure und Muscimol. Leichte Vergiftungen klingen nach zehn bis Stunden von selbst ab.
Diese psychoaktive Eigenschaft, von der heute stark abgeraten wird, war in vielen Volkskulturen Wegbereiter zu einer höheren Bewusstseinsebene.
Der Fligenpilz als Mittel zur Erleuchtung
Hallozinogene Pilze im Neolithikum?
Bereits im neolithischen Europa scheint die Wirkung von hallozinogenen Pilzen bekannt gewesen zu sein – so diverse Interpretationen neolithischer Felszeichnungen, wie die am Monte Bergo und im Val Camonicas. Am Bergo findet man beispielsweise Umrisse, die dem eines Pilzes sehr ähnlichsehen; daneben: eine Schamanenfigur, aus dessen Kopf wiederum eine Art „Wissensstrahl“ hervorschießt.
Da liegt eine Interpretation in Richtung wirklichkeitserweiternden Substanzen nahe. Da alle Auslegungen aber rein spekulativ bleiben, kann nur mit Ungewissheit gesagt werden, welchen Stellenwert solche Pilze im europäischen Neolithikum wirklich eingenommen haben.
Gezielte Einnahme von Fliegenpilz
Da der Fliegenpilz nach Einnahme und auf dem Weg durch den Körper unveränderbar bleibt, können dessen psychoaktive Alkoide auch noch im Urin nachgewiesen werden. Manche indigenen Völker Ostrusslands, wie die Tschuktschen, Kamtschadalen oder Korjaken, haben sich dies zu Nutzen gemacht: um sich in einen gezielten Rauschzustand zu versetzen, war es dort übliche Praxis, den Urin von Rentieren zu trinken, die zuvor von einem Fliegenpilz genascht hatten.
Neben dem Trinken von Urin, gab es zahlreiche andere Arten des Pilzverzehrs: getrocket, im Wasser gekocht oder über Tage in Milch eingelegt. Diese Art der Zustandsveränderung war allerdings meist nur Schamanen und wohlhabenden Bewohner:innen vorbehalten.
Das Ziel war dabei stets dasselbe: das Erreichen einer höheren Bewusstseinsebene, um dadurch die Welt der Geister und Seelen zu betreten. Der Fliegenpilz als Schlüssel zum Tor in eine andere Welt. Die mystische Konnotation, die der Amanita Muscaria heute zugeschrieben wird, scheint aus dieser Perspektive schon um einiges einleuchtender.
Wie kommt das Glück in den Fliegenpilz?

Dem weißroten Waldbewohner werden heute vor allem zwei Eigenschaften zugeschrieben: die glücksbringende und die giftige. Was hat es damit auf sich?
Der Name „Fliegenpilz“ (eng. fly agaric; frz. amanite tue mouche) hat seinen Ursprung in einem alten Rezept zur Fliegenabwehr, wie es heute in Teilen Englands und Frankreichs verwendet wird. Als Mittel zur Bekämpfung der Insekten wird der Fliegenpilz klein gehackt und anschließend über Tage in Milch eingelegt. Angelockt vom süßen Geschmack und betäubt vom Pilz-Sud, finden die Insekten ihren sicheren Tod.
Bereits ab dem Mittelalter wurde die Verwendung des Fliegenpilzes aufgrund seiner scheinbar „magischen“ Wirkung mit dem Übernatürlichen in Verbindung gebracht und im Zuge der Inquisation und Hexen-Verfolgung auch mit verbotenen und okkulten Ritualen assoziiert. Das Bild des „tödlichen“ Fliegenpilz enstand.
Die magische Bedeutungsebene bleibt allerdings in Märchen- und Sagenerzählungen erhalten. Dort steht der Fliegenpilz meist exemplarisch für die Versinnbildlichung des Fantastischen und symbolisiert das Tor zur „Anderswelt“. Ist in Geschichten von einem Rotkäppchen, Zwergmützchen, Wüschelhut, rotem Mützchen oder Zauberhut die Rede, so ist zumeist der Fliegenpilz damit gemeint.
Dass der Fliegenpilz heute vorallem mit Glück in Verbindung gebracht wird, ist wohl das Ergebnis vieler Einflüsse. „Das Glück“ kommt aber höchstwahrscheinlich über seine berauschende Wirkung zum Pilz.
Ötzi und seine Pilze
Im Kontext archäologischer Siedlungsfunde wurden bisher noch keine giftigen Pilze frei gelegt – was natürlich größtenteils ihrer biologischen Substanz geschuldet ist. Eine Ähnlichkeit zu unserem alten Bekannten Ötzi lässt sich allerdings dennoch finden: bei den indigen Völker der Korjaken und Tschuktschen war es üblich, Teile des getrockneten Fliegenpilzes in Gefäsen und kleinen Boxen aus Birkenfibre oder -leder mit sich herumgetragen.
Auch Ötzi trug ein Gefäß aus Birkenrinde bei sich, das an seiner Fundstelle exkaviert wurde. Ob dies neben der Beförderung von Glutstücken auch der Transportation von Pilzen diente, könnt ihr bei unserer derzeitigen Sonderausstellung im archeoParc erfahren.

„Pilze – die Kulturgeschichte der Pilze von Ötzi bis heute“
Die Sonderausstellung widmet sich der faszinierenden Rolle der Pilze von der Zeit Ötzis bis in die Gegenwart in Kunst und Geschichte. Für alle, die mehr über den Fliegenpilz, seine Artgenossen und deren Kulturgeschichte erfahren möchten! Sehen wir uns?
